Geschichte

Geschichte der Schrift und Typografie: von Textura bis OpenType

Gotische Schriften, Antiqua, Fraktur, Grotesk und digitale Fonts: wie sich die Druckschriften seit Gutenberg entwickelt haben und warum der Streit um Antiqua und Fraktur in Deutschland so lange dauerte.

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Jede Druckschrift hat eine Vorgeschichte. Die ersten Lettern ahmten Handschriften nach, spätere Schriften folgten neuen technischen Möglichkeiten, dem Zeitgeschmack oder politischen Vorgaben. Wer heute am Rechner eine Schrift auswählt, greift auf mehr als 500 Jahre Entwicklung zurück — oft ohne es zu merken. Dieser Beitrag zeichnet die wichtigsten Linien nach.

Gotische Schriften: das Vorbild der Handschrift

Gutenberg druckte seine 42-zeilige Bibel in einer Textura, der feierlichen gotischen Buchschrift des Spätmittelalters: schmal, dicht, mit gebrochenen Bögen. Sie sollte dem Leser vertraut wirken und einer hochwertigen Handschrift ebenbürtig sein. Neben der Textura gab es rundere gotische Formen wie die Rotunda, die vor allem in Italien und Spanien verbreitet war, und in Deutschland ab dem späten 15. Jahrhundert die kräftige Schwabacher. Wie Gutenbergs Lettern hergestellt wurden, beschreibt der Artikel über Gutenberg und den Buchdruck.

Antiqua: die Schrift der Humanisten

Italienische Humanisten des 15. Jahrhunderts lehnten die gotische Schrift ab. Sie orientierten sich an der karolingischen Minuskel, die sie in alten Handschriften fanden und für antik hielten, und entwickelten daraus die humanistische Minuskel. Die Drucker übernahmen diese Formen: Es entstand die Antiqua mit runden Bögen und Serifen, deren Großbuchstaben an römische Inschriften angelehnt sind.

Als besonders ausgereift gilt die Antiqua, die der Franzose Nicolas Jenson um 1470 in Venedig verwendete. Wenig später schnitt Francesco Griffo für den Verleger Aldus Manutius Antiqua-Typen, die als Vorbild vieler späterer Schriften gelten, sowie die erste Kursive. Mehr zu Venedig als Druckzentrum lesen Sie im Artikel über die Ausbreitung des Buchdrucks.

Im 16. Jahrhundert wurde Paris zum Zentrum des Schriftschnitts. Claude Garamond schuf Antiqua-Schriften, die über Generationen nachgeahmt wurden. Viele heutige Schriften mit dem Namen „Garamond“ gehen allerdings nicht direkt auf ihn zurück, sondern teilweise auf Typen des Schriftschneiders Jean Jannon aus dem 17. Jahrhundert, die lange Garamond zugeschrieben wurden.

Fraktur und der deutsche Sonderweg

Während sich die Antiqua in weiten Teilen Europas durchsetzte, blieb der deutschsprachige Raum bei gebrochenen Schriften. Anfang des 16. Jahrhunderts entstand im Umfeld Kaiser Maximilians I. die Fraktur, die über Jahrhunderte die gewöhnliche Schrift für deutsche Texte blieb. Lateinische Texte und Fremdwörter setzte man dagegen oft in Antiqua — in vielen Büchern standen beide Schriften nebeneinander.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entbrannte darüber der sogenannte Antiqua-Fraktur-Streit. Befürworter der Fraktur sahen in ihr eine „deutsche“ Schrift, Befürworter der Antiqua verwiesen auf die internationale Lesbarkeit. 1911 befasste sich sogar der Reichstag mit der Frage; eine Eingabe zugunsten der Antiqua fand knapp keine Mehrheit. In der NS-Zeit wurde die Fraktur zunächst als deutsche Schrift propagiert. Mit dem sogenannten Normalschrifterlass vom 3. Januar 1941 ordnete die NSDAP-Führung dann überraschend den Übergang zur Antiqua als „Normalschrift“ an und diffamierte die gebrochenen Schriften dabei in antisemitischer Weise. Nach 1945 kehrte die Fraktur nicht mehr in den Alltag zurück; heute findet man sie vor allem in Zeitungsköpfen, auf Schildern und Etiketten.

Klassizismus: Bodoni und Didot

Im 18. Jahrhundert wurden die Antiqua-Formen zunehmend strenger und kontrastreicher; in England steht dafür etwa John Baskerville. Um 1800 erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt im Klassizismus. Giambattista Bodoni in Parma und die Pariser Druckerfamilie Didot schufen Schriften mit sehr starkem Gegensatz zwischen dicken Grundstrichen und haarfeinen Serifen, mit senkrechter Achse und kühler, konstruierter Wirkung. Solche Schriften verlangen glattes Papier und präzisen Druck. Im Deutschen wird diese Gruppe als klassizistische Antiqua bezeichnet.

Grotesk und Egyptienne: Schriften für die Werbung

Mit der Industrialisierung kamen neue Aufgaben: Plakate, Anzeigen und Etiketten sollten aus der Ferne auffallen. Im frühen 19. Jahrhundert tauchten in England die ersten Schriften ohne Serifen auf, im Deutschen Grotesk genannt, sowie Schriften mit kräftigen, blockartigen Serifen, die Egyptienne. Anfangs galten serifenlose Schriften als plump und wurden vor allem für Überschriften und Werbung eingesetzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ausgebaute Schriftfamilien wie die Akzidenz-Grotesk, die später großen Einfluss auf die Schweizer Typografie hatte.

Bauhaus und Neue Typographie

In den 1920er Jahren suchten Gestalter im Umfeld des Bauhauses und der Avantgarde nach einer Typografie, die zur modernen Industriegesellschaft passte. Typisch waren serifenlose Schriften, asymmetrische Anordnung, klare Hierarchien, Fotografie statt Ornament und teilweise sogar der Verzicht auf Großbuchstaben. Jan Tschichold fasste diese Ideen 1928 in seinem Buch „Die neue Typographie“ zusammen. Später wandte er sich selbst wieder der klassischen, symmetrischen Buchgestaltung zu. Zu den geometrischen Schriften dieser Zeit zählt die Futura von Paul Renner, erschienen ab 1927.

1957: Helvetica und Univers

Im Jahr 1957 erschienen zwei serifenlose Schriften, die bis heute prägend sind. Max Miedinger entwarf zusammen mit Eduard Hoffmann für die Haas’sche Schriftgießerei bei Basel die „Neue Haas Grotesk“, die wenig später unter dem Namen Helvetica international vertrieben wurde. Im selben Jahr stellte der Schweizer Adrian Frutiger in Paris die Univers vor, die von Anfang an als große Familie mit vielen aufeinander abgestimmten Strichstärken und Breiten geplant war. Beide Schriften sind eng mit dem Schweizer Stil der Nachkriegszeit verbunden, der mit Rastern, Sachlichkeit und serifenlosen Schriften arbeitete.

Vom Blei zur Datei: digitale Schriften

Mit dem Fotosatz wurde Schrift nicht mehr gegossen, sondern belichtet; mit dem Desktop-Publishing der 1980er Jahre wurde sie zur Datei. Adobe führte mit PostScript auch ein Format für Konturschriften ein, die sogenannten Type-1-Fonts: Buchstaben wurden als mathematische Kurven beschrieben und ließen sich in jeder Größe scharf ausgeben. Apple entwickelte um 1990 das konkurrierende Format TrueType, das auch Microsoft übernahm.

Ende der 1990er Jahre einigten sich Microsoft und Adobe auf OpenType, das beide Ansätze vereint. Eine OpenType-Schrift funktioniert plattformübergreifend, basiert auf Unicode und kann Tausende Zeichen enthalten — etwa Ligaturen, Kapitälchen, verschiedene Ziffernformen oder mehrere Schriftsysteme. Neuere Entwicklungen sind variable Fonts, bei denen Strichstärke oder Breite stufenlos einstellbar sind, und Webfonts für die Darstellung im Browser. Ältere Type-1-Schriften werden von aktueller Software kaum noch unterstützt.

ZeitSchriftstilBeispiele
um 1450Gotische SchriftenTextura, Rotunda, später Schwabacher
um 1470–1500Humanistische AntiquaJenson, Griffo für Aldus Manutius
16. Jh.Französische Renaissance-AntiquaGaramond
Anfang 16. Jh.Frakturdeutschsprachiger Raum, bis ins 20. Jh.
um 1800Klassizistische AntiquaBodoni, Didot
19. Jh.Grotesk und EgyptienneWerbe- und Akzidenzschriften
1920erNeue TypographieTschichold, Futura
1957Schweizer GroteskHelvetica, Univers
ab 1980erDigitale FontsPostScript Type 1, TrueType, OpenType



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