Geschichte

Die Industrialisierung des Drucks im 19. Jahrhundert

Papiermaschine, Schnellpresse, Rotationsdruck, Setzmaschine und Autotypie: Wie der Druck im 19. Jahrhundert zur Industrie wurde und damit Zeitungen und Bücher für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich machte.

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Rund 350 Jahre lang änderte sich am Buchdruck erstaunlich wenig. Gesetzt wurde von Hand, gedruckt auf hölzernen Handpressen, das Papier wurde Bogen für Bogen aus Lumpen geschöpft. Zwischen dem Ende des 18. und dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde jeder dieser Arbeitsschritte mechanisiert. Das Ergebnis war eine Druckindustrie, die Zeitungen in Massenauflagen und billige Bücher überhaupt erst möglich machte.

Papier von der Rolle

Den Anfang machte das Papier. Der Franzose Nicolas-Louis Robert erfand gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Maschine, die Papier auf einem umlaufenden Sieb als endlose Bahn formte; 1799 erhielt er dafür ein Patent. Weiterentwickelt und zur Serienreife gebracht wurde die Langsiebmaschine in den folgenden Jahren in England, finanziert von den Brüdern Fourdrinier. Papier war damit nicht mehr an das Format der Schöpfform gebunden und konnte weit schneller hergestellt werden.

Ein Engpass blieb der Rohstoff: Papier bestand aus Hadern, also Lumpen aus Leinen und Baumwolle, und die wurden knapp. In den 1840er Jahren entwickelte Friedrich Gottlob Keller in Sachsen ein Verfahren, Holz mechanisch zu Holzschliff zu zerfasern. Später im 19. Jahrhundert kam chemisch aufgeschlossener Zellstoff hinzu. Holz als Rohstoff machte Papier sehr viel billiger. Die Kehrseite: Holzhaltige und säurehaltige Papiere dieser Zeit vergilben und werden brüchig — ein Problem, mit dem Bibliotheken bis heute kämpfen.

Von der eisernen Handpresse zur Schnellpresse

Um 1800 ließ der englische Earl of Stanhope eine Handpresse ganz aus Eisen bauen. Sie war stabiler und konnte einen größeren Bogen in einem Zug bedrucken als die hölzernen Pressen der Gutenberg-Tradition. Weitere eiserne Pressen wie die Columbia- und die Albion-Presse folgten. Am Prinzip änderte sich jedoch nichts: Jeder Bogen wurde von Hand eingelegt und abgezogen.

Den eigentlichen Sprung schaffte der Deutsche Friedrich Koenig. Gemeinsam mit Andreas Friedrich Bauer entwickelte er in London eine dampfgetriebene Druckmaschine, bei der ein rotierender Zylinder das Papier gegen die flache Druckform presste. Am 29. November 1814 erschien die Londoner „Times“ erstmals auf einer solchen Schnellpresse gedruckt — nach damaligen Angaben um ein Vielfaches schneller als auf der Handpresse. 1817 gründeten Koenig und Bauer im Kloster Oberzell bei Würzburg ihre eigene Maschinenfabrik.

Rotationsdruck

Bei der Schnellpresse lag die Druckform noch flach und bewegte sich hin und her. Schneller ging es, wenn auch die Druckform rund war und sich kontinuierlich drehte. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in den USA und Europa die ersten Rotationsmaschinen. Breit durchsetzen konnte sich der Rotationsdruck vor allem durch die Stereotypie: Vom fertigen Satz wird eine Mater abgeformt und daraus eine gebogene Druckplatte gegossen, die auf den Zylinder passt. Ab den 1860er Jahren wurde zudem von der Papierrolle gedruckt, statt einzelne Bogen einzulegen. Die Rollenrotation wurde zur Standardtechnik für Zeitungen.

Setzmaschinen: Linotype und Monotype

Während der Druck immer schneller wurde, setzten Schriftsetzer die Texte weiterhin Buchstabe für Buchstabe von Hand. Die Lösung kam aus den USA:

  • Linotype: Ottmar Mergenthaler, ein aus Württemberg stammender Uhrmacher, stellte 1886 bei der „New York Tribune“ seine Zeilensetzmaschine vor. Über eine Tastatur werden Matrizen aneinandergereiht, und die Maschine gießt daraus jeweils eine komplette Zeile aus Blei. Für Zeitungen wurde die Linotype zum Standard.
  • Monotype: Das von Tolbert Lanston entwickelte System trennte Taster und Gießmaschine. Die Eingabe wurde auf einem Lochstreifen gespeichert, die Gießmaschine goss danach Einzelbuchstaben. Korrekturen waren dadurch einfacher; Monotype wurde besonders im anspruchsvollen Buchsatz eingesetzt.

Bilder für alle: Fotografie und Autotypie

Bilder mussten lange von Hand in Holz oder Metall übertragen werden. Illustrierte Zeitschriften nutzten dafür im 19. Jahrhundert vor allem den Holzstich. Mit der Fotografie, die 1839 öffentlich vorgestellt wurde, stellte sich die Frage, wie sich Fotos mit ihren stufenlosen Grautönen im Buchdruck wiedergeben lassen — der ja nur „Farbe“ oder „keine Farbe“ kennt.

Die Antwort war das Raster. Der in München tätige Georg Meisenbach ließ sich 1882 die Autotypie patentieren: Ein Foto wird durch ein feines Raster reproduziert und so in viele Punkte unterschiedlicher Größe zerlegt. Aus normalem Leseabstand verschmelzen die Punkte für das Auge zu Grautönen. Ähnliche Verfahren wurden etwa zur gleichen Zeit auch in den USA entwickelt. Das Prinzip gilt bis heute: Jedes gedruckte Foto, ob im Offset- oder Digitaldruck, besteht aus Rasterpunkten.

Die Folgen: Massenpresse und Massenlektüre

Billiges Holzpapier, schnelle Rotationsmaschinen, maschineller Satz und gedruckte Fotos griffen ineinander. Gleichzeitig stieg durch die allgemeine Schulpflicht die Zahl der Lesenden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden Massenblätter mit hohen Auflagen, finanziert zu einem großen Teil durch Anzeigen. Auch Bücher, Groschenhefte, illustrierte Familienzeitschriften, Kataloge und Plakate wurden für breite Schichten erschwinglich.

ZeitEntwicklung
1799Patent für die Papiermaschine von Nicolas-Louis Robert
um 1800Eiserne Handpresse von Lord Stanhope
1814Die „Times“ wird auf Koenigs Schnellpresse gedruckt
1840erHolzschliff nach Friedrich Gottlob Keller
Mitte 19. Jh.Rotationsdruck, ab den 1860ern von der Rolle
1882Patent auf die Autotypie von Georg Meisenbach
1886Linotype-Setzmaschine von Ottmar Mergenthaler


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